Große Resonanz gab es für die bundesweite Online-Veranstaltung des Wohlfahrtsverbandes Sozialdienst muslimischer Frauen (SmF) zum Thema Islam- und Muslimfeindlichkeit. Unter dem Leitmotiv „Hinschauen. Zuhören. Verändern.“ lief die Veranstaltung aufgrund des intensiven Austausches in die Verlängerung, um allen Wortmeldungen und dem umfassenden Gesprächsbedarf des engagierten Publikums gerecht zu werden. Im Zentrum der Debatte stand die Erkenntnis, dass diskriminierende und rassistische Strukturen den Alltag vieler Menschen prägen und eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung erfordern, um den sozialen Zusammenhalt nachhaltig zu sichern.
Die von Nagihan Arslan Yüregir moderierte Veranstaltung begann mit einer kurzen thematischen Einführung durch Zehra Özdemir. Dabei ging sie auf die Hintergründe des ‚Tages gegen Antimuslimischen Rassismus‘ am 1. Juli ein, der an die Ermordung von Marwa El-Sherbini erinnert. Im Anschluss hielt Güzin Ceyhan (CLAIM – Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit) einen Impulsvortrag, in dem sie das zivilgesellschaftliche Lagebild für das Jahr 2025 präsentierte.
Die vorgestellten statistischen Erhebungen verdeutlichen eine besorgniserregende Dynamik: Innerhalb von drei Jahren haben sich die dokumentierten Fallzahlen in Deutschland mehr als vervierfacht. Während im Jahr 2022 bundesweit 898 Vorfälle erfasst wurden, stieg diese Zahl für das Jahr 2025 auf insgesamt 4.096 dokumentierte Fälle an. Dies entspricht einer Zunahme von rund 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
In ihren Ausführungen erläuterte Ceyhan die methodischen Hintergründe dieser Entwicklung. Einerseits führe der kontinuierliche Ausbau des zivilgesellschaftlichen Monitorings – welches inzwischen spezialisierte Beratungs- und Meldestellen wie das IReport-Meldeportal umfasst – zu einer schrittweisen Aufhellung des Dunkelfeldes. Andererseits verbleibe das tatsächliche Ausmaß an Diskriminierung und Gewalt auf einem konstant hohen Niveau. Ceyhan verdeutlichte dass im Durchschnitt lediglich vier Prozent der Betroffenen ihre Rassismuserfahrungen offiziell melden, wodurch die vorliegenden Zahlen nur einen Ausschnitt der gesellschaftlichen Realität abbilden. Die Analyse zeigte zudem, dass antimuslimische Vorfälle stark mit politisch-medialen Debatten korrelieren; insbesondere die Diskussionen rund um die Bundestagswahlen 2025 sowie die sogenannte „Stadtbilddebatte“ im Oktober spiegelten sich in einem messbaren Anstieg der Fallzahlen wider.
Das dokumentierte Spektrum reicht von strukturellen Benachteiligungen und verbalen Angriffen über verhetzende Beleidigungen und Angriffe auf Moscheen bis hin zu schweren Gewalttaten. Die Untersuchung legt zudem eine gravierende geschlechtsspezifische Dimension offen: Frauen tragen hierbei die Hauptlast der antimuslimischen Diskriminierung in Deutschland. Von allen dokumentierten Vorfällen gegen Einzelpersonen richten sich 64,5 Prozent gegen Frauen. Besonders im Bereich der alltäglichen Diskriminierung und bei verbalen Attacken im öffentlichen Raum wird die spezifische Verwundbarkeit sichtbar muslimischer Frauen durch die Verschränkung von rassistischen und sexistischen Ressentiments deutlich.
Güzin Ceyhan schloss mit drei zentralen Handlungsempfehlungen: Es braucht eine verbesserte zivilgesellschaftliche und polizeiliche Erfassung von Vorfällen, eine langfristig gesicherte Finanzierung von Beratungsstellen für Betroffene sowie die Verankerung expliziter Maßnahmen gegen antimuslimischen Rassismus im Nationalen Aktionsplan. Das vollständige Lagebild sei zudem auch online auf der Seite von CLAIM oder als Printausgabe erhältlich.
Im darauffolgenden zweiten Impulsvortrag veranschaulichte Saskia Schindler von der Initiative ‚Haltung zeigen‘ die Darstellung von Muslim*innen in der deutschen Medienlandschaft.
Die von ihr angeführten medienwissenschaftlichen Langzeitstudien belegten eine strukturelle Schieflage in der Berichterstattung. Demnach zeichneten über drei Viertel der untersuchten Beiträge ein negatives Bild des Islams, wobei in Fernsehbeiträgen zu fast 90 Prozent Konfliktthemen wie Terrorismus, Krieg und innere Sicherheit im Vordergrund stünden. Diese einseitige Fokussierung begünstige sogenannte „Othering“-Prozesse, welche gesellschaftliche Trennlinien verstärken. Als konstruktive Lösungsansätze wurden eine stärkere personelle Diversität in den Redaktionen sowie eine Erweiterung der thematischen Vielfalt diskutiert, um die Lebensrealitäten pluraler Gesellschaften besser abzubilden.
In der anschließenden, hochgradig emotionalen Publikumsdiskussion forderten die Teilnehmenden eine konsequente politische und rechtliche Aufarbeitung. Unter den Gästen befanden sich Vertreter*innen diverser zivilgesellschaftlicher und religiöser Organisationen sowie direkt Betroffene, darunter auch ein Angehöriger eines Opfers des rassistischen Anschlags von Hanau sowie ein Vertreter einer Moscheegemeinde aus Memmingen, die in diesem Jahr Ziel eines schweren antimuslimischen Übergriffs wurde.
In den Wortmeldungen drückte sich tiefe Besorgnis aus. Kritisiert wurde, dass Medien und Politik teilweise aktiv Ängste schürten und muslimisch gelesene Menschen diffamierten. Auch die mediale Prioritätensetzung stieß auf Unverständnis: So wurde angemerkt, dass reichweitenstarke Nachrichtenformate am 1. Juli dem „Internationalen Tag des Witzes“ Sendezeit einräumten, den Tag gegen antimuslimischen Rassismus jedoch unerwähnt ließen.
Eindringlich schilderte Armin Kurtović, Vater des beim Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 ermordeten Hamza Kurtović, die strukturellen Hürden für Hinterbliebene. Er kritisierte mangelnde Empathie und strukturellen Rassismus bei Behörden, sowie eine oft unzureichende Unterstützung durch große Verbände. Er forderte die islamischen Organisationen auf, interne Differenzen zu überwinden, sich zu bündeln und den Betroffenen, die oft unter immensen Anwaltskosten leiden, solidarisch zur Seite zu stehen.
Zudem berichtete ein Vertreter der betroffenen Moscheegemeinde aus Memmingen von dem Vorfall am 1. Mai, bei dem das Gebäude mit Schweineblut beschmiert und ein Schweinekopf auf dem Halbmond der Moschee platziert worden war. Er betonte jedoch die große Solidarität, die die Gemeinde im Nachgang erfahren habe: Der lokale Oberbürgermeister, die Zivilgesellschaft und die Medien hätten umgehend Unterstützung zugesichert und sich klar von der Tat distanziert. Auch Vertreter der türkischen Regierung, das Bundesministerium des Innern und für Heimat sowie der bayerische Innenminister reagierten zeitnah auf den Vorfall. Der Vertreter der Gemeinde schloss mit einem Appell zu Besonnenheit, Zusammenhalt und Deeskalation, um Vorurteilen aktiv und friedlich entgegenzuwirken.
Das Publikum war sich einig: der Austausch und Zusammenarbeit muss intensiviert werden, um in einer pluralen Gesellschaft Berührungsängste abzubauen. Zudem darf antimuslimischer Rassismus kein Randthema bleiben. Die Existenz muss durch konsequentes Melden von Vorfällen sichtbar gemacht werden.
Die geschäftsführende Vorstandsvorsitzende des Wohlfahrtsverbandes Sozialdienst muslimischer Frauen (SmF), Ayten Kılıçarslan, griff diese Dringlichkeit auf. Sie betonte, dass „das Thema allen unter den Nägeln brenne“ und fasste den gemeinsamen Auftrag in einem abschließenden Statement zusammen:
„Wir arbeiten kontinuierlich an dieser Sichtbarkeit und setzen uns dafür ein, unsere Themen fest im gesellschaftlichen Diskurs zu verankern. Als engagierte Muslim*innen leisten wir diesen Beitrag bereits seit den 1980er-Jahren mit großem Nachdruck. Alle, die heute hier zusammengekommen sind, engagieren sich meist weit über Eigeninteressen hinaus für das Gemeinwohl und das gesellschaftliche Miteinander. Wir haben gemeinsam schon vieles positiv verändert. Diejenigen, die Haltung zeigen und die Bedeutung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie der Vielfalt betonen, bilden keineswegs die Minderheit. Es geht hierbei um fundamentale Menschlichkeit, um echte Zugehörigkeit und darum, die Zukunft in Deutschland aktiv und demokratisch mitzugestalten. Mit diesen Menschen müssen wir den Weg gemeinsam gehen – entschlossen und ohne den Mut zu verlieren.“
Die Veranstaltung schloss mit dem Appell, Wege zu finden, betroffenen Personen nachhaltig Unterstützung zukommen zu lassen und die bestehenden Dokumentations- und Beratungsstrukturen verlässlich auszubauen. Um diesen Prozess strategisch fortzuführen, lud Ayten Kılıçarslan die Anwesenden zur kommenden Jahresveranstaltung am 28. September nach Köln ein, bei der Moscheegemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen die gemeinsame Vernetzung weiter vertiefen werden.

