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Bundesverband Nachrichten

Vom Ehrenamt in die Regelstruktur: Jahresveranstaltung fordert nachhaltige Anerkennung für das soziale Wirken muslimischer Gemeinden 

Am Montag den 28.09.2026 sind unter dem Leitmotiv „Gemeinsam für den Zusammenhalt“ hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, Wissenschaft sowie muslimischen Gemeinschaften in der Kölner Karl-Rahner-Akademie zusammengekommen. Anlass war die bundesweite Jahresveranstaltung des Modellprojekts ProAktiMO, getragen vom Wohlfahrtsverband Sozialdienst muslimischer Frauen e.V. und gefördert durch das Bundesministerium des Innern (BMI) im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz (DIK). Im Zentrum der Fachtagung stand die Frage, wie das oft im Verborgenen geleistete prosoziale Engagement von Moscheegemeinden und Cemhäusern sichtbar gemacht, professionalisiert und dauerhaft in gesellschaftliche Regelstrukturen überführt werden kann.  

Eröffnet wurde die Tagung von Ayten Kılıçarslan, Vorstandsvorsitzende des Wohlfahrtsverband Sozialdienstes muslimischer Frauen e.V. Mit Verweis auf das 20-jährige Bestehen der Deutschen Islamkonferenz und das bevorstehende 65. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens mahnte sie einen grundlegenden Perspektivwechsel in der öffentlichen Debatte an. Muslimische Organisationen würden noch immer allzu oft auf Sicherheits- und Integrationsfragen reduziert, anstatt als tragende Säulen des Gemeinwesens wahrgenommen zu werden. Moscheegemeinden leisteten tagtäglich unverzichtbare soziale Arbeit in der Nachbarschaftshilfe, Jugend- und Seniorenarbeit sowie Seelsorge. „Nach 20 Jahren Deutsche Islam Konferenz müssen wir nicht bei Null anfangen. Wir können auf Errungenschaften aufbauen. Aber wir können uns auf diesen Errungenschaften nicht ausruhen. Die nächste Phase muss stärker die Frage beantworten, wie aus Dialog Beteiligung, aus Projekten Strukturen und aus Anerkennung dauerhafte Teilhabe wird.“ so Kılıçarslan. Um diese Arbeit zukunftsfähig aufzustellen, reiche eine zeitlich befristete Projektförderung nicht mehr aus. Vielmehr brauche es den Zugang zu verlässlichen sozialstaatlichen Regelförderungen auf Augenhöhe mit den etablierten Wohlfahrtsverbänden. Die Förderstrukturen müssen auch überprüft werden. Es ginge nicht um formal gleiche Bedingungen, sondern um Teilhabe. 

Diesen Impuls griffen auch die anwesenden Bundespolitikerinnen auf. Die Bundestagsabgeordnete Serap Güler hob hervor, dass eine lebendige Demokratie vom freiwilligen Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger abhänge, dieses jedoch keinesfalls als Selbstverständlichkeit hingenommen werden dürfe. Wer das gesellschaftliche Wirken der Gemeinden übersehe, riskiere den Verlust unverzichtbarer demokratischer Schutzräume. Zugleich rief sie dazu auf, demokratische Narrative im digitalen Raum zu stärken, um extremistischem Einfluss auf junge Menschen entschlossen entgegenzutreten. Aydan Özoğuz, Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses für Sport und Ehrenamt, erinnerte an die historischen Etappen der Anerkennung, warnte jedoch vor zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und Stigmatisierung. Sie betonte, dass der Staat bürokratische Hürden abbauen müsse, um ehrenamtlich Getragene nicht zu überlasten, und forderte eine nachhaltige strukturelle Absicherung von Migrantendachorganisationen.  

Eine zentrale Einordnung aus Sicht des Bundes lieferte Annegret Korff, Leiterin der Unterabteilung Integration und Religionsgemeinschaften im Bundesministerium des Innern und Vorsitzende des Kuratoriums des Sachverständigenrats für Integration und Migration. Korff stellte unmissverständlich klar, dass muslimische Gemeinden und Organisationen keine bloßen Adressaten gesellschaftlicher Entwicklungen oder Forderungen sind, sondern eigenständige zivilgesellschaftliche Akteure und Gestalter des Gemeinwesens. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Verunsicherungen nehme das Ministerium die Sorgen von Musliminnen und Muslimen um Zugehörigkeit und Sicherheit sehr ernst. Zusammenhalt dürfe nicht nur politisch beschworen, sondern müsse vor Ort praktisch erfahrbar werden.  

Genau hier setze das BMI mit ProAktiMO an: Statt Maßnahmen von außen vorzugeben, gehe es darum, vorhandene Eigeninitiative zu stärken und nachhaltige Strukturen aufzubauen – und zwar explizit als gezielte Engagementförderung im Rahmen der DIK. Die historische Formel der Deutschen Islamkonferenz, die seit ihrer Gründung vor 20 Jahren für Dialog, Initiative und Kooperation stehe, werde in der Projektarbeit greifbare Praxis. Dass dieses Konzept wirke, zeige die erfolgreiche Umsetzung von 22 Mikroprojekten im vergangenen Jahr sowie die wachsende Resonanz auf kommunaler Ebene. Erst kürzlich sei das Projekt bei einer Kommunaltagung des BMI vorgestellt worden und auf breites Interesse von Verantwortungsträgern gestoßen. Korff ermutigte die Gemeinden ausdrücklich, den Weg der Professionalisierung konsequent weiterzugehen, aktiv auf Kommunen zuzugehen und Kooperationen einzufordern, da Demokratie genau durch Menschen entstehe, die vor Ort Verantwortung übernehmen. 

In zwei vertiefenden Fachpodien diskutierten Expertinnen und Praktikerinnen die Schnittstellen zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Gemeindeleben. Aslı Sevindim, Abteilungsleiterin im nordrhein-westfälischen Integrationsministerium, stellte das Forum Muslimische Zivilgesellschaft als gelungenes Beispiel partizipativer Landespolitik vor, bei dem Betroffene ihre Interessen als gleichberechtigte Partner selbst artikulieren. Die Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor forderte das Ende einer reflexhaften Problemorientierung in der Bundespolitik: Muslimisches Leben sei Normalität und müsse in allen Fachbereichen, von der Wohlfahrtspflege bis zur Seelsorge, selbstverständlich mitgedacht werden. Rachida Brigui aus der Duisburger Stadtverwaltung belegte an kommunalen Beispielen, wie dringend notwendig der Abbau institutioneller Zugangsbarrieren ist, damit muslimische Vereine und Jugendhilfeträger in etablierte städtische Netzwerke eingebunden werden. Aus wissenschaftlicher Sicht analysierte Jun.-Prof. Dr. Ayşe Almila Akca von der Universität Münster die strukturellen Hürden der Professionalisierung: Ehrenamt allein könne die steigenden gesellschaftlichen Anforderungen nicht auffangen; ohne dauerhaft finanzierte Hauptamtlichkeit drohe wertvolles Wissen verloren zu gehen. Dass eine Öffnung nach außen gelingen kann, zeigten die Praxisberichte von Gönül Yerli (Islamische Gemeinde Penzberg), Elçim Saygün (Alevitische Gemeinde Herne) und Tayyaba Rana (Islamischer Wohlfahrtsverband An-Nusrat e.V.), die für den Ausbau interreligiöser Partnerschaften, ein starkes zivilgesellschaftliches Miteinander und das selbstbewusste Einbringen eigener Kompetenzen in kommunale Angebote plädierten.  

Wie lebendig dieser Austausch bereits ist, machten Live-Schaltungen zu den zehn Projektstandorten deutlich. Von Delmenhorst, Hamburg und Dortmund über Duisburg, Frankfurt und Erfurt bis hin zu Leipzig, München, Stuttgart und Kempten berichteten Standortteams und Teilhabelotsen über ihre Arbeit. Die beteiligten Islamischen Projektpartnergemeinden setzten zahlreiche innovative Mikroprojekte um, darunter medienpädagogische Workshops, interkulturelle Begegnungsräume, Kunstprojekte junger Frauen und gemeinschaftliche Aktionen gegen Einsamkeit und Armut.  

Zum Abschluss der Veranstaltung blieb ein zentraler Gedanke im Raum, der weit über die Konferenz hinausreicht: Demokratie und Zusammenhalt erweisen sich nicht in theoretischen Bekenntnissen, sondern dort, wo Menschen tagtäglich Verantwortung füreinander übernehmen. Das prosoziale Handeln muslimischer Organisationen ist längst ein unverzichtbarer Teil dieses Fundaments in Deutschland. Um dieses Potenzial nachhaltig zu entfalten, stehen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft in der gemeinsamen Pflicht, gewohnte Vorbehalte und bürokratische Barrieren abzubauen – und den entscheidenden Schritt von kurzfristigen Modellprojekten hin zu einer verlässlichen, strukturellen Verstetigung auf Augenhöhe endlich mutig zu vollziehen. 

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Über ProAktiMO: Das Projekt „Professionalisierung und Aktivierung muslimischer Organisationen für gesellschaftliches Miteinander“ (ProAktiMO) wird vom Wohlfahrtsverband Sozialdienst muslimischer Frauen e.V. getragen und vom Bundesministerium des Innern im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz gefördert. An bundesweit zehn Standorten unterstützt ProAktiMO insgesamt 40 Moscheegemeinden und Cemhäuser dabei, ihr zivilgesellschaftliches Potenzial auszubauen, neue Kooperationen mit kommunalen Akteuren zu etablieren und gesellschaftliche Verantwortung vor Ort zu übernehmen.

Mehr zum Projekt: www.proaktimo.de