Modellprojekt für genderspezifische Prävention · 2021–2025
Frauen stärken Frauen·gegen Radikalisierung
Sichere Räume für junge Frauen und Mädchen muslimischen Glaubens — und für ihre Eltern. Vier Jahre Präventionsarbeit an zehn Standorten in ganz Deutschland.
4
Jahre Projektarbeit, 2021–2025
10
Standorte bundesweit
337
Gesprächskreise mit 2.681 Teilnehmerinnen
473+
Einzelcoachings
Das Projekt
Muslimische Frauen sind nicht nur Zielgruppe von Präventionsarbeit — sie sind zentrale Akteurinnen für gesellschaftliche Verantwortung, Demokratie und Zusammenhalt.
„Frauen stärken Frauen – gegen Radikalisierung“ (FsF) ist ein bundesweit einzigartiges Präventionsvorhaben des Sozialdienst muslimischer Frauen e.V. (SmF-Bundesverband). Seit August 2021 richtet es sich an junge Frauen und Mädchen muslimischen Glaubens oder als solche gelesene — mit dem Ziel, Radikalisierungstendenzen früh zu erkennen und ihnen wirksam entgegenzuwirken.
Verortet in der Primärprävention, setzt das Projekt dort an, wo Radikalisierung ihren Ursprung nimmt: bei familiären Spannungen, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Identitätskrisen, Diskriminierungserfahrungen und Manipulation über soziale Medien oder das persönliche Umfeld. In sicheren Räumen („Safe Spaces“) setzen sich junge Frauen selbstbestimmt mit religiösen und gesellschaftlichen Fragen auseinander, lernen Desinformation zu erkennen und bauen Resilienz auf.
Prävention gelingt nicht durch Ausgrenzung oder Misstrauen, sondern durch Mitmischen und Vertrauen — durch Teilhabe, Bildung, Selbstwirksamkeit und tragfähige Beziehungen.
Aufgrund finanzieller Kürzungen wurde das Projekt seit 2025 nur noch an acht Standorten umgesetzt.
Unser Ansatz
Das Projekt verbindet kultursensible Jugendarbeit mit einem ganzheitlichen Blick auf die Familie. Unsere Standortmitarbeiterinnen arbeiten mit Methoden der Jugend- und Erwachsenenbildung, die speziell auf die Präventionsarbeit mit Mädchen und jungen Frauen muslimischen Glaubens zugeschnitten sind. Ihre Nähe zur Zielgruppe — kulturell, sprachlich und biografisch — schafft einen niedrigschwelligen Zugang und Vertrauen.
Für Mädchen und junge Frauen
- Mädchenräume. Gemeinsam eingerichtete Projekträume als sichere Orte, an denen Gedanken, Ideen und Sorgen ohne Bewertung Platz haben.
- Gesprächskreise. Austausch zu „Frausein und Mädchensein in meiner Religion“ und zu allem, was gerade bewegt.
- Workshops. Diskurs-, Kommunikations- und Medienkompetenz — etwa im kritischen Umgang mit TikTok & Co.
- Freizeitgestaltung. Gemeinsam entscheiden, was unternommen wird — und so demokratische Prozesse erleben.
- Mentoring. Erfahrene Mentorinnen begleiten Mentees in persönlichen, schulischen und beruflichen Fragen.
- Einzelcoachings. Raum für Anliegen, die nicht in die Gruppe gehören (seit 2023).
Für Eltern und Familien
- Müttergruppen. Geschützter Austausch über Erziehung, Adoleszenz und die Beziehung zur Tochter.
- Vätergruppen. Gespräche über Rollenbilder, Gleichberechtigung und die eigene Vaterrolle.
- Gemeinschaftsveranstaltungen. Familienfeste, Ausflüge und Kochabende, die Vertrauen zwischen den Generationen stiften.
- Sekundärberatung. Offene Beratung für Eltern, die Verhaltensänderungen ihrer Töchter nicht einordnen können.
- Lokale Netzwerke. Anbindung an Stadtverwaltungen, Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte.
Unsere Wirkung
Junge Frauen berichten von gestärktem Selbstbewusstsein, mehr Selbstständigkeit und einem neuen Gefühl der Zugehörigkeit.
Teilnehmerinnen fanden Ausbildungsplätze, begannen ein Studium, engagierten sich in der Kommunalpolitik oder gründeten eigene Initiativen — bis hin zu einem afghanischen Frauenverein. Solche Entwicklungen sind persönliche Erfolge und zugleich präventive Wirkung: Sie schaffen Perspektiven, Zugehörigkeit und Stabilität, zentrale Schutzfaktoren gegen Radikalisierung.
Bundesweit umgesetzt, 2021–2025
- 337 Gesprächskreise 2.681 Teilnehmerinnen
- 270 Workshops 2.455 Teilnehmerinnen
- 149 Freizeitaktivitäten 1.651 Teilnehmerinnen
- 74 Gemeinschaftsveranstaltungen 1.838 Teilnehmende
- 116 Müttergruppentreffen 1.069 Teilnehmende
- 93 Vätergruppentreffen 708 Teilnehmer
- 473+ Einzelcoachings seit 2023
- 50+ Mentoring-Paare 2022–2023
Wirkung auf mehreren Ebenen
- Junge Frauen gehen besser mit Diskriminierungserfahrungen um und erleben die Projektmitarbeiterinnen als Vorbilder, die sie verstehen und ihnen Orientierung geben.
- Eltern vertrauen der Projektarbeit, suchen aktiv den Austausch und sprechen über bisher tabuisierte Themen wie Sexualität oder Rollenbilder, die radikale Gruppen gezielt ausnutzen.
- Familien finden wieder ins Gespräch: Die Kommunikation zwischen Eltern und Töchtern hat sich spürbar verbessert — bestätigt durch die wissenschaftliche Begleitung.
- Gesellschaftlich erleben die Teilnehmerinnen öffentlich geförderte Angebote als Wertschätzung — das Gefühl, gesehen und gehört zu werden.
Zeitstrahl
Jedes Projektjahr hat auf dem vorherigen aufgebaut — von den ersten Mädchenräumen bis zum Schwerpunkt politische Bildung.
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2021
Ankommen
- Mädchenräume als sichere Orte an allen Standorten
-
2022
Feste Gruppen für Mädchen, Väter und Mütter
- Mentoring, das stärkt: über 50 Mentoring-Paare
- Berlin erleben: 40 Teilnehmerinnen im Regierungsviertel, im Bundestag und im Jüdischen Museum
- Gemeinsam stark: Väter gestalten Beziehungen und Rollenbilder neu
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2023
Neuer Schwerpunkt: afghanische Frauen
- Starke Mütter – starke Töchter
- Gesprächskreise nach dem Erdbeben in der Türkei und Nordsyrien
- Generationen im Gespräch: Vorbilder aus dem eigenen Umfeld
- Einzelcoachings als Fundament vertrauensvoller Beziehungsarbeit
- Postkarten- und Posteraktion „Starke Frauen – sichtbar machen“
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2024
Gesellschaftspolitische Themen
- Politische Bildung durch Dialog und Empathie — zu antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus
- Mut statt Angst: Straßenaktion „No Remigration“ in Freiburg
- Weltfrauentag: „Klettern für Frauen“ in Kempten
- Gemeinschaft, die verbindet: Ausflüge und Familienaktionen
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2025
Politische Bildung
- Freizeit gemeinsam gestalten: mitbestimmen, erleben, lernen
- Demokratie-Workshop „Die neue Insel“ an allen Standorten
- Gesellschaftliche Teilhabe aktiv gestalten — bis in den Integrationsrat
- Abschlussveranstaltung am 6. Oktober in Berlin
Die Orte, an denen Frauen stärken
Überall wurden die gleichen Maßnahmen umgesetzt — und doch hat jeder Standort durch das Engagement der Standortleiterinnen und Teilnehmerinnen seinen eigenen Charakter entwickelt.
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Delmenhorst
Lebendige Netzwerkarbeit mit Vereinen, Schulen und sozialen Einrichtungen — und kreative Angebote, die besonders Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren begeistern.
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Neumünster
Interreligiöse und interkulturelle Begegnungen wie „Baklava trifft Osterei“ bauen Brücken zwischen Kulturen und Lebenswelten.
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Köln
Eine Müttergruppe, die sich auch nach Förderende weiter trifft — offen genug, um gemeinsam mit den Töchtern über sexuelle Vielfalt zu sprechen.
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Krefeld
Ein geschützter Ort für Frauen mit Fluchterfahrung. Afghanische Teilnehmerinnen gründeten einen eigenen Verein, Mädchen wurden in den Integrationsrat gewählt.
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Stuttgart
Eine Vätergruppe, die sich inzwischen eigenständig trifft — und ein Team, das Regelstrukturen in kultursensibler Arbeit berät.
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Backnang
Anonyme Collagen öffneten Gespräche zwischen Müttern und Töchtern. Freie Religionsausübung — mit und ohne Kopftuch — stand im Fokus.
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Sindelfingen
Eine besonders große Mädchengruppe, in der Freundschaften entstanden sind — und eine Müttergruppe als fester Bestandteil.
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Freiburg
Viele junge Frauen mit Fluchterfahrung lernen Deutschland als neue Heimat kennen. Gegennarrative und direkte Unterstützung setzen dem Opfernarrativ etwas entgegen.
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Kempten
Klettern und Schneeschuhwandern in einer religiös vielfältigen Gruppe. Aus der Vätergruppe wurde ein eigenständiges Projekt.
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München
Ein eigenes Projekt für Väter und Söhne und interreligiöse Angebote für Frauen aus den drei abrahamitischen Religionen.
Stimmen aus dem Projekt
Mit der Aktion „Starke Frauen – sichtbar machen“ kamen Teilnehmerinnen, Mentorinnen, Mütter und Väter auf Postern und Postkarten zu Wort — als Vorbilder für andere junge Frauen.
Als Klassensprecherin bin ich für andere da. Ich höre zu, lasse ausreden und zeige Verständnis. Auch im FsF-Projekt haben wir gelernt, wie wichtig ein offener Umgang ist.
Mein Wissen und meine Erfahrungen nutze ich heute, um Menschen, denen es ähnlich geht wie mir früher, Mut zu machen.
Die gemeinsamen Treffen mit den anderen Müttern sind sehr motivierend. Einzelgespräche stärken mich.
Wenn es um Diskriminierung geht, weiß ich, dass ich nicht allein bin und mir nichts gefallen lasse.
Was die Befragung zeigt
Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit: Von März bis Mai 2024 haben wir Teilnehmerinnen und Eltern online befragt.
71 Fragebögen von Mädchen und jungen Frauen zwischen 13 und 20 Jahren und 51 Fragebögen von Eltern konnten ausgewertet werden; unter den Eltern lag die Rücklaufquote bei 74 Prozent. Die wissenschaftliche Auswertung verantwortet Prof. Dr. Meltem Kulaçatan unter Mitarbeit von Dunya Elemenler.
Welche Angebote Eltern genutzt haben
Anteil der befragten Eltern, die das jeweilige Angebot genutzt haben. Mehrfachnennungen möglich.
Besonders wirkungsvoll waren aus Sicht der Mädchen Freizeitformate, die Begleitung durch Mentorinnen und geschützte Gesprächsräume. Eltern berichten von einer besseren Kommunikation mit ihren Kindern und einer reflektierteren Elternrolle. Ein zentraler Effekt: weniger soziale Isolation — ein Faktor, der eng mit Demokratiefeindlichkeit zusammenhängt.
Die Handlungsbedarfe
- Mentorinnenbegleitung und Einzelberatung verstetigen
- Empowerment-Workshops und interkulturelle Freizeitangebote ausbauen
- Antidiskriminierungsarbeit im Schulbereich stärken
- Interkulturelle Elternbildung und niedrigschwellige Bildungsformate fördern
- Väter- und Jungenarbeit mit männlichen Fachkräften erweitern
- Das Angebot strukturell in Kommunen und Regelinstitutionen verankern
Abschluss & Ausblick
Am 6. Oktober 2025 kamen in Berlin Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Praxis zur Abschlussveranstaltung zusammen — darunter Helge Lindh (MdB), Lamya Kaddor (MdB) und Laura Kolland aus dem Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die Standortleiterinnen berichteten im Podiumsgespräch aus vier Jahren direkter Arbeit mit den Teilnehmerinnen.
Frauen sind nicht nur potenziell Betroffene von Radikalisierung, sondern zentrale Akteurinnen in der Prävention.
Die Veranstaltung war auch ein Appell: Prävention braucht Zeit. Vertrauen muss wachsen, Beziehungen müssen sich entwickeln, Wirkung entsteht langfristig. Eine Förderung, die jedes Jahr neu beantragt werden muss, gefährdet diese Kontinuität. „Frauen stärken Frauen“ hat gezeigt, wie Prävention gelingen kann — nun braucht es verlässliche Rahmenbedingungen.
Die gewonnenen Erfahrungen, Netzwerke und Kompetenzen wirken über die Projektlaufzeit hinaus: in den Standorten, in den beteiligten Organisationen und vor allem in den Biografien der Frauen und Mädchen, die Teil dieses Weges waren.
Team & Ansprechpartnerinnen
Beiträge aus dem Projekt
Rückblick auf die Jahresveranstaltung: „Mit uns – statt über uns: Podiumsdiskussion Antimuslimischer Rassismus im öffentlichen Diskurs“
Am 1. Juli fand unsere diesjährige Jahresveranstaltung unter dem Titel „Mit uns – statt über uns: Podiumsdiskussion Antimuslimischer Rassismus im…
Workshop zu antimuslimischem Rassismus in Titisee-Neustadt
Am 12. Juni führte unser Team von BAmR einen Workshop zum Thema Rassismus mit dem Schwerpunkt antimuslimischer Rassismus für das…
Gemeinsam gegen antimuslimischen Rassismus – Workshop mit einer Frauengruppe in Freiburg
Antimuslimischer Rassismus ist für viele Menschen Teil ihres Alltags. Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung wirken sich nicht nur auf das persönliche…




