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65 Jahre Anwerbeabkommen und das Vermächtnis von Mevlüde Genç: Die unscheinbaren Heldinnen sichtbar machen 

Der 30. Oktober markiert ein doppeltes, tief bewegendes Datum der deutschen Zeitgeschichte: Vor genau 65 Jahren, am 30. Oktober 1961, besiegelte das Anwerbeabkommen den Beginn der deutsch-türkischen Migrationsgeschichte, die die Bundesrepublik wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell bis heute nachhaltig prägt. Gleichzeitig jährt sich heute der Todestag einer der bedeutendsten Friedensbotschafterinnen unseres Landes: Mevlüde Genç, die am 30. Oktober 2022 verstarb.  

Der Wohlfahrtsverband Sozialdienst muslimischer Frauen e.V. nimmt dieses Doppeldatum zum Anlass, um an die Lebensleistung jener Frauen zu erinnern, die Deutschland mitaufgebaut haben – und deren Stimmen und Gesichter in den offiziellen Geschichtsbüchern oft leise blieben. Mit der Porträtsammlung und Ausstellung „41 Mal Maschallah: 41 Frauengeschichten“ rückt der Verband genau diese leisen Heldinnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.  

Als vor 65 Jahren junge Menschen aus der Türkei nach Deutschland kamen, sprach man von „Gastarbeitern“. Man erwartete Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen an – mit Hoffnungen, Familien, Zweifeln und einer unerschöpflichen Schaffenskraft. Insbesondere Frauen trugen eine doppelte Last: Sie arbeiteten in Fabriken, Krankenhäusern und Reinigungsdiensten und hielten

gleichzeitig im Verborgenen Familien zusammen, bauten Brücken in eine neue Heimat und überwanden Sprach- und Kulturgrenzen ohne die heute selbstverständlichen Integrationsangebote. 

„Deutschland wurde vorwiegend von Frauen aus den Trümmern aufgebaut. Die Arbeitsmigration, die Ende der 1950er-Jahre begann, hat diesen Wiederaufbau beschleunigt. Wenn wir über die Anwerbung von Arbeitskräften sprechen, geht es keineswegs nur um Männer. Es geht ebenso um Frauen, die als Fabrikarbeiterinnen und Mütter, aber auch als Wissenschaftlerinnen und Politikerinnen das Fundament der heutigen Gesellschaft gelegt haben. 65 Jahre nach Unterzeichnung des Anwerbeabkommens genügt es nicht mehr, bloße Arbeitsstatistiken zu betrachten. Wir müssen die Frauen würdigen, die dieses Land geprägt, getragen und mit aufgebaut haben – oft unter Verzicht auf ihre eigenen Träume. Denn es kamen damals nicht bloß Arbeitskräfte; es kamen Frauen, Mütter, Töchter, Schwestern, Partnerinnen und Großmütter“  

— Ayten Kılıçarslan, Bundesvorstandsvorsitzende des Wohlfahrtsverband SmF 

Am 30. Oktober gedenkt der Wohlfahrtsverband Sozialdienst muslimischer Frauen e.V. in tiefer Verbundenheit auch Mevlüde Genç. Nach dem rassistischen Brandanschlag in Solingen am 29. Mai 1993, bei dem sie zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, wählte sie einen Weg, der die gesamte Republik tief berührte und gleichermaßen einte: Sie predigte Versöhnung, Toleranz und Nächstenliebe statt Verbitterung und Rache.  

Ihr Leitgedanke „Wo Liebe und Respekt sind, findet das Böse keinen Halt. Liebe lässt Menschen leben, aber Hass tötet!“ sowie ihr Aufruf „Lasst uns Freunde sein, lasst uns die Hände reichen – Hass bringt nur neuen Hass hervor“ sind ihr bleibendes Vermächtnis. Mevlüde Genç, die auch das erste Porträt des Buches bildet, verkörperte jene moralische Stärke und Würde, die Generationen von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte bis heute Orientierung und Halt schenkt.  

Mit dem Buch- und Ausstellungsprojekt – dessen Titel auf den traditionellen Segens- und Schutzwunsch zurückgeht – dokumentierte der Wohlfahrtsverband-SmF ungeschönt die Entbehrungen, aber auch den enormen Kampfgeist der ersten Generation, symbolisch. Heute und ewig erinnern wir uns an die jenen Frauen, die das Land und Folgegenerationen durch ihre Leistungen und Hingabe mitgeprägt haben.  

Mit Blick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Debatten mahnt der Wohlfahrtsverband Sozialdienst muslimischer Frauen jedoch auch zur Besonnenheit. Wer heute den öffentlichen Diskurs verfolgt, stellt bisweilen mit Sorge fest, dass Rhetorik und Begrifflichkeiten wieder schärfer werden – Töne, die Erinnerungen an die Verunsicherungen früherer Jahrzehnte wecken. Allzu oft wird Zuwanderung in der aktuellen Politik primär als funktionale Kennzahl zur Schließung von Arbeitsmarktlücken oder als Sicherheitsfrage verhandelt. Dabei droht der wichtigste Grundsatz in den Hintergrund zu geraten: Hinter jedem Arbeitskräftebedarf stehen Menschen mit Familien, Rechten und einer eigenen Würde.  

Wenn heute erneut über Zugehörigkeit gestritten wird, zeigt der Blick auf die Frauen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch Abgrenzung oder Symboldebatten entsteht, sondern durch Anerkennung, verlässliche Teilhabe und den ehrlichen Schutz vor Vorurteilen. Der 65. Jahrestag des Abkommens und das Gedenken an Mevlüde Genç sind daher nicht nur ein historischer Rückblick: Sie sind ein leiser, aber nachdrücklicher Appell an politische Entscheidungsträger, das gewachsene Fundament unseres Zusammenlebens achtsam zu hüten – nicht nur durch Worte des Gedenkens, sondern durch die institutionelle und langfristig gesicherte Stärkung jener Organisationen, die dieses Miteinander tagtäglich tragen.