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FsF Kempten

„Wir nehmen kein Blatt vor den Mund!“ Zivilcourage damals und heute

Jugendliche setzen sich mit Mut, Widerstand und demokratischen Werten auseinander

Was haben Mut und Wut miteinander zu tun? Wofür möchten sich junge Menschen einsetzen? Und was können wir heute aus dem Widerstand gegen das NS-Regime lernen?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich Jugendliche im Rahmen des Präventionsprojekts „Jugendarena – Vielfalt im Gespräch“ des Sozialdienstes muslimischer Frauen Kempten e.V. Gemeinsam mit dem Stadtjugendring Kempten gestalteten sie einen Workshop zum Thema Zivilcourage und begaben sich anschließend auf die Spuren der Weißen Rose nach München.

Was macht uns wütend – und was möchten wir verändern? Was haben MUT und WUT gemeinsam?

Beim Workshop „Zivilcourage – In Zeiten wie diesen!“ kamen die jungen Menschen zusammen, um über aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu diskutieren, Fragen zu stellen und eigene Perspektiven einzubringen. Dabei ging es unter anderem um die Proteste in Frankreich, die politische Situation in Deutschland und die Frage, wofür sich junge Menschen heute stark machen würden.

Die Antworten waren vielfältig und nah an ihrer Lebensrealität: Ein Döner für drei Euro, weil die steigenden Lebenshaltungskosten viele Menschen belasten, eine bessere Ausstattung der Schulen, mehr Wahlfreiheit bei den Schulfächern und gerechtere Ausbildungsvergütungen waren einige der genannten Anliegen.

Die Diskussion zeigte, dass gesellschaftliches und politisches Engagement nicht erst bei großen Fragen beginnt. Auch alltägliche Erfahrungen, persönliche Bedürfnisse und der Wunsch nach fairen Chancen können Ausgangspunkte sein, um Veränderungen anzustoßen. Entscheidend ist, die eigene Stimme zu nutzen, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Die Weiße Rose: Mut zum Widerstand

Im zweiten Teil des Workshops richteten die Jugendlichen ihren Blick auf die Geschichte. Sie beschäftigten sich mit den Mitgliedern der Weißen Rose, einer Widerstandsgruppe, die sich während der nationalsozialistischen Diktatur gegen Hitler und das NS-Regime stellte. Mit ihren Flugblättern klagten sie die Verbrechen des Regimes an und riefen zum Nachdenken und Widerstand auf.

Um die historischen Texte für die Jugendlichen zugänglich zu machen, wurden die Flugblätter vorab in einfacher Sprache zusammengefasst und aufbereitet. Anschließend konnten die Teilnehmenden selbst kreativ werden: Mit der Methode „Blackout Poetry“ gestalteten sie aus den vorhandenen Texten eigene Botschaften und individuelle „Flugblätter“.

Durch das bewusste Auswählen und Hervorheben einzelner Wörter entstanden neue Texte, die persönliche Gedanken, Fragen und Haltungen zum Ausdruck brachten. So wurde Geschichte nicht nur vermittelt, sondern zum Ausgangspunkt für eine eigene Auseinandersetzung mit Zivilcourage, Freiheit und demokratischen Werten.

Gedenkstättenausfahrt nach München: Den Spuren der Weißen Rose folgen

Am Samstag, den 24. Oktober 2026, machten sich dann einige Jugendliche gemeinsam mit Jana und Bengü auf den Weg nach München. Ziel war die DenkStätte Weiße Rose am Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), an dem die Geschichte der studentischen Widerstandsgruppe eng mit dem historischen Ort verbunden ist.

Bei einer Führung erhielten die Jugendlichen Einblicke in die Geschichte der Weißen Rose, die Biografien ihrer Mitglieder und deren Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Vor Ort wurde deutlich, welchen Mut es erforderte, sich unter den Bedingungen eines totalitären Regimes gegen Unrecht zu stellen und die eigene Überzeugung öffentlich zu vertreten.

Die selbst gestalteten Blackout-Poetry-Flugblätter hatten die Jugendlichen ebenfalls im Gepäck. Ergänzend zu den historischen Einblicken drehten sie ein kreatives Video, in dem sie ihre Auseinandersetzung mit den Themen Mut, Widerstand und Zivilcourage auf eigene Weise zum Ausdruck brachten. Damit verbanden sie die Erinnerung an den historischen Widerstand mit ihren eigenen Gedanken und Fragen an die Gegenwart.

Schaut euch hier ein Video an, dass von Natalia zusammengestellt wurde.
Zu sehen sind: Natalia(Sprecherin), Banu, Haktan, Enes, Aamerah, Jana.
Gefilmt hat Bengü. Fotos Jana.

Erinnern, Haltung zeigen und die eigene Stimme nutzen

Die beiden Veranstaltungstage machten deutlich, dass Zivilcourage viele Formen haben kann: Sie beginnt damit, Fragen zu stellen, Missstände anzusprechen, anderen beizustehen und sich nicht mit Ausgrenzung oder Ungerechtigkeit abzufinden. Die Auseinandersetzung mit der Weißen Rose bot den Jugendlichen die Möglichkeit, historische Erfahrungen mit ihrer eigenen Lebenswelt in Verbindung zu bringen und darüber nachzudenken, was es heute bedeutet, Haltung zu zeigen.

Mit dem Workshop und der Gedenkstättenausfahrt schafft das Projekt „Jugendarena – Vielfalt im Gespräch“ Räume, in denen junge Menschen ihre Perspektiven einbringen, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektieren und eigene Ausdrucksformen entwickeln können. Denn demokratische Werte leben davon, dass Menschen sich beteiligen, Verantwortung übernehmen und ihre Stimme nutzen.

„Wir nehmen kein Blatt vor den Mund!“ ist dabei mehr als ein Motto: Es steht für den Mut, Fragen zu stellen, Widerspruch zu äußern und sich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der Menschenwürde, Freiheit und Vielfalt geachtet werden.

Das Präventionsprojekt „Jugendarena – Vielfalt im Gespräch“ wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration sowie für Antirassismus gefördert und an mehreren Standorten des Sozialdienstes muslimischer Frauen e.V. umgesetzt.

Die Veranstaltungen fanden in Kooperation mit dem Stadtjugendring Kempten statt. Unser Dank gilt allen Beteiligten, die diese Auseinandersetzung mit Geschichte, Demokratie und Zivilcourage ermöglicht haben.